Gerührt: Kochen für die gute Sache

Er hat keine Couch, sondern teilt sich ein Stockbett. Ihm ist kalt und er hat Hunger, als er abends ankommt. Jetzt etwas essen, ganz egal was. Und dann schlafen. Einfach nur schlafen. Seit 7.00 Uhr irrt er durch Wiens Straßen. Einsam. Ohne Beschäftigung. Unter den missgünstigen Blicken der nörgelnden Wiener leidend. Frierend vor lauter sozialer Kälte.

Endlich daheim! Ich lasse mich abends auf mein Sofa sacken und nehme mein Smartphone in die Hand, wo ich ein neues Foto auf Instagram poste. Von meinem fancy Müsli mit Nussmus und Chiasamen. Ein #latergram. In meinem Newsstream sehe ich lauter leckere Mahlzeiten. Ich habe Hunger, aber bin müde und erledigt. Vielleicht bei Foodora bestellen? Oder noch mit Freunden essen gehen? Ich entscheide mich für Foodora, weil´s gerade so gemütlich ist. Zuhause zu sein, unter der Kuscheldecke. Meine größte Sorge heute: nach Hause zu kommen, ohne dass der Handyakku leer ist. Und etwas Gesundes zu bestellen und ohne zu viel Carbs, da ich ja gerade eine grundlegende Ernährungsumstellung mache.

Für mein Leben gern zuhause

Szenenwechel. Es ist Freitag Nachmittag. Ich mache mich gerade auf den Weg zum VinziPort, wo wir gleich für Obdachlose kochen werden. Auf dem Weg zur U-Bahn sticht mir das neue Plakat von Ikea ins Auge. „Für mein Leben gern zuhause“. Die Menschen, für die wir gleich den Kochlöffel schwingen werden, haben keine Wohnung. Haben andere Sorgen als Ikea und die obligatorischen Teelichter, die jeder beim schwedischen Möbelriesen kauft. Ich bin gespannt und gleichzeitig wahnsinnig aufgeregt. Ja, ich koche gerne. Und gar nicht so schlecht. Angeblich. Das Maximum waren aber zehn Leute, für die gekocht habe. Sonst koche ich maximal für drei. Und normalerweise wird nach Lust und Laune entschieden, was auf den Tisch kommt und etwas gekocht, das ich kann.

„Mahlzeit? Sozialzeit!“

Unter diesem Motto hat SHADES TOURS Food-Blogger gesucht, die über ihren Tellerrand hinaus blicken und sich der Herausforderung stellen: mit ihrem Team in der Großküche des Obdachlosenheims aus vorgegebenen Zutaten ein kulinarisches Meisterwerk zaubern. Mein Anliegen: zu zeigen, dass gesunde Ernährung nicht teuer sein muss. Wir treffen uns vor der Tür vom VinziPort am Wiener Rennweg, der ersten Notschlafstelle in Wien für EU-Bürger, da diese in öffentlichen Einrichtungen viele Jahre lang nicht aufgenommen wurden. Maximal 55 Männer aus den unterschiedlichsten Ländern finden hier ein warmes Bett, ein Abendessen, freundliche Worte und ein Dach über dem Kopf. Das Abendessen kommt heute von uns. Dieter, unser Guide von SHADES TOURS, begrüßt uns herzlich. Seine offene, positive Art beeindruckt mich. Wir werden in die Küche geführt und bekommen eine Führung durch die Einrichtung.

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Dann geht es darum, was wir aus den vorgegebenen Lebensmitteln zaubern können, die wir vor Ort zum ersten Mal sehen. Spontane Kreativität ist gefragt. Das hat mir in den letzten Tagen ein wenig Kopfzerbrechen beschert, nicht zu wissen, aus was wir kochen werden. Ich bin erleichtert: es gibt jede Menge Salat, Pasta, Paprika und Tomaten, eine leckere Suppe, die noch vom Vortag übrig ist, und ganz viel frisches Obst sowie Pudding. Wir waschen uns die Hände, legen die Schürzen an etc. und schnippeln los. Das Wasser für die Nudeln setzen wir auch gleich auf, immerhin ist das ein riesiger Topf. Ich bin froh, dass mein bester Freund Gernot dabei ist, trotz Crossfit hätte ich den Topf niemals heben können.

Gerührt

Wir schnippeln los, machen das Radio an und geben Gas. Ob sich das mit der Zeit ausgeht? Dieter erzählt in der Zwischenzeit, weshalb er auch einmal obdachlos war und wie er den Absprung geschafft hat. Ich bin beeindruckt. Und weiß aus einem früheren Job in der Wohnungslosenhilfe, wie schnell es gehen kann. Wie man über Nacht alles verlieren kann. Wie das Leben einem übel mitspielen kann. Ich schaue zu meinen Freunden und bin gerührt. Weil sie sich so bemühen, für noch Unbekannte ein leckeres Essen zu zaubern. Weil sie so gute Ideen haben. Einfach weil sie mitgekommen sind ohne zu zögern.

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Wir liegen gut in der Zeit. Wir haben Spaß und arbeiten auf Hochtouren. Die Suppe wird gewärmt, das Salatdressing ist fertig, die Pasta kommt ins kochende Wasser und die Gemüsesauce dicken wir improvisiert noch an. Der Obstsalat steht bereit.

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Es ist 19.00, wir sind fertig. Und gespannt, ob´s denn schmecken wird. Die ersten Männer kommen in die Küche und bekommen von uns zunächst Suppe. Wir bekommen das eine oder andere dankbare Gesicht. Als alle fertig gegessen haben, führt uns Dieter in den Speisesaal und stellt uns vor. Ich bin kurz davor, ein Tränchen zu verdrücken. Beim Schreiben des Blogposts fließt es dann auch. Wir verabschieden uns von Dieter und sind stolz. Stolz, den Abend der Männer ein stückweit besser gemacht zu haben. Im Psychologiestudium habe ich gelernt, dass ehrenamtliches Engagement sich positiv auf die psychische und physische Gesundheit auswirkt, das merke ich in dem Moment.

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Danke an Dieter, Barbara, Ella und Gernot für einen Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde <3!

Du bist gefragt!

Lust bekommen? SHADES TOURS organisiert Kochgruppen in Wiener Obdachlosenheimen. Egal, ob Einzelperson oder Gruppe, meldet Euch bei vienna@shades-tours.com an. Ein unvergessliches Erlebnis ist Euch sicher. Und das unbeschreibliche Gefühl, wertvolle Zeit geschenkt zu haben. SHADES TOURS wurde im Herbst 2015 von Perrine Schober gegründet. Tourismus als Beschäftigungsinstrument für Betroffene einzusetzen, das gilt als eine innovative Methode in ganz Europa und dient auch bei SHADES TOURS als Grundlage für die Eindämmung von Armut. SHADES TOURS ermöglicht Menschen in einer prekären Wohn- und Lebenssituation eine wertschätzende Beschäftigung: Die SHADES TOURS Guides führen kleine Gruppen zu themenrelevanten Plätzen, die ihre eigene Lebenssituation betreffen oder betroffen haben. Alle Infos zu den Touren findet Ihr hier.

 

 

2 thoughts on “Gerührt: Kochen für die gute Sache

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