Uni: 17 Jahre später

Es ist Oktober 1999 (meine Freundin ist weg, und bräunt sich, ach nein, das war 1996 ;-D) und ich sitze in meiner allerersten Publizistikvorlesung. Den ersten Satz meines langen Unilebens werde ich nie vergessen: „Die Statistik sagt über den Einzelfall nichts aus!“, lustigerweise von einem Prof. der Medienpsychologie. Ich sitze im vollen Audimax in der Wiener Haupuni. Und eigentlich wollte ich Lehramt studieren (Psychologie, Philosophie und Englisch). Aber dann fand ich die Schulkinder im Bus derart abschreckend, und habe das Studium gewählt, das viele wählen, wenn sie nicht so recht wissen, wo es einmal hingehen soll. Wenn mir während einer Vorlesung langweilig wird, so schaue ich nicht auf mein Handy. Das kann nämlich fast nichts, nur SMS senden oder telefonieren. Wenn ich mich mit Freunden verabreden will, dann läuft das meist über das Festnetz, stundenlang, zum Leidwesen meiner Eltern. Flatrate? Fehlanzeige. Das halten sie mir heute noch vor, glaub´ ich. Ich bin nicht dauernd erreichbar, sich zu treffen klappt aber trotzdem. Geburtstagsfeiern schickt man via SMS aus, nicht als Facebookevent. Oder sogar persönlich, so ganz uncool im realen Leben.

Ich treibe super viel Sport, gehe ins Fitnessstudio und lerne Aerobic und Krafttraining kennen und lieben. Meine Ernährung ist ein bisschen besser als in der Schule, wo ich ein etwas pummeliger Teeny war. Mit meinem Handy kann ich aber keine Fotos machen, nicht mein schönes Müsli bildlich einfangen. Wozu auch? Unter meinen Urlaubsfotos findet sich maximal ein Mal spanische Paella in zehn Jahren. Bloggen gibt´s noch nicht, aber ich kaufe mir meinen ersten PC vom sauer und selbst mit zahlreichen Nachhilfestunden verdienten Geld um stolze 20.000 Schilling. Eine Riesenkiste, mit Internet. Wow! Und ICQ, den Ton habe ich heute noch im Ohr. Ich bin nebenher u.a. Partyfotografin und habe sogar meine eigene Website. Hässliches Ding, so bunt und mit ganz viel Flash, Design selbst im Dreamweaver erstellt. Ich nenne mich Housefrau, weil das meinen Musikgeschmack so trifft.

Oktober 2016. Ich suche einen Hörsaal und fühle mich ein wenig alt unter all den jungen Gesichtern, die ebenfalls durch das Geozentrum irren. Auf meinem iPhone habe ich den Lageplan (der mir nicht ganz so viel Hilfestellung bietet, da ich mit Plänen ein absoluter Vollhorst bin), im Ohr Spotify und im Kopf den Gedanken, dass es gerade erst 8:00 morgens ist und ich eigentlich noch im Tiefschlaf bin. Das Studium? Master Psycholgie. Forschungsmethoden. Mein Lieblingsfach. Nicht! Nach einer Stunde konzentriertem Zuhören öffne ich Instagram und verteile Likes. Als die 1 1/2 Stunden um sind, fahre ich ins Büro. Beruflich bin ich genau da, wo ich während des Erststudiums (das war nach 2-3 Semestern klar) so gerne hin wollte. Aber wo ich mit zig branchenfremden Nebenjobs unsicher war, wie ich das anstellen soll. Wo ich eine gepflegte Quarterlife Crisis hatte und nicht an mich geglaubt habe. Wie auch in dem Alter?

Ich komme im Büro an, wenig später kommt der niedliche Bürohund auf mich zu gelaufen, nach der Arbeit checke ich mein Handy und freue mich über die netten Dinge, die mit meinen Freundinnen am Wochenende ausgemacht sind. Freue mich, wie gut ich mich mit meiner Familie verstehe, wie eng das Band ist. Und dann fahre ich wieder auf die Uni. Auf dem Weg fühle mich ziemlich gut als alte Studentin. Lernen live und in Farbe. Statt FernUniversität, die mich in den letzten Semestern schon ordentlich angekotzt hat. Und bin glücklich. Kohärenzgefühl pur. Zufrieden. Angekommen. Und ganz ich. So kann es eigentlich bleiben. Und soll es bitte auch (knock on wood)!

 

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